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Medienschau: "Prominenz kann über Leben entscheiden"

Sendung "Klärwerk" (Kölncampus) vom 23. Juli 2018

Audiofile (7.02 Min)

Sprache kann manchmal Leben retten. Zumindest kleinere Bedeutungsunterschiede. Jemandenumzufahren oder jemanden zu umfahren, macht einen ganz schön großen Unterschied - der kann tatsächlich über Leben und Tod entscheiden. Zum Glück hat unsere Sprache aber solche Betonungsmechanismen. Aber nicht nur innerhalb von Wörtern gibt es Teile, die prominent betont werden, sondern auch in Sätzen und Texten. Dabei kann man aus der Art und Weise, wie Menschen in verschiedenen Sprachen betonen, einiges lernen.

Darüber möchte ich mich jetzt mit Prof. Klaus von Heusinger unterhalten. Er ist Professor im Sonderforschungsbereich Prominenz in Sprache an der Universität zu Köln und er forscht auch selbst zu dem Thema.

Professor von Heusinger, können Sie uns kurz beschreiben, was es mit Prominenz in Sprache auf sich hat, was es im Deutschen ausmacht?

"Ja, vielen Dank. Mit Prominenz in Sprache haben wir eine neue sprachliche Struktur. Sie haben ein Beispiel schon gegeben: In der Prosodie umfahrenoder umfahren, d.h. ein Element wird stärker hervorgehoben als die anderen Elemente. Wir haben das auch in Sätzen, wir können in Sätzen was hervorheben. Oder wir können in der Bedeutung, in der abstrakten Bedeutung, bestimmte Elemente stärker hervorheben."

Jetzt haben wir schon einige Beispiele gehört. Was gibt's denn sonst noch für Möglichkeiten? Also wir können innerhalb von Worten, sind das denn jetzt alle Möglichkeiten, um Prominenz in Sprache zu erzeugen schon?

"Nein, wir können z.B. auch in einem vollständigen Satz. Also wenn ich zum Beispiel habe Maria gibt Blumen dem Paul, dann ist das zunächst eine lineare Anordnung. Jetzt kann ich aber hervorheben, was das Besondere, was ich besonders hervorheben möchte in dem Satz, dann könnte ich sagen: Maria gibt Blumendem Paulund nicht etwas anderes."

Das heißt, dass Sprache sich ja linear entfaltet, während wir sprechen. Kann ich die Sachen, die sehr prominent sind, irgendwie nach vorne holen? Ist das jetzt im Deutschen, gibt's da bestimmte Bereiche in Sätzen, wo sozusagen die hot spots sind, um Prominenz zu erzeugen?

"Ganz genau. Wir haben eben mit prosodischen Mitteln die Prominenz erzeugt, aber Sie haben völlig Recht, dass ich auch mit syntaktischen Mitteln sagen kann: Es waren Blumen, die Anna dem Peter gegeben hat. Sodass ich auch das, was nach vorne rutscht, dass ich da achtet die besondere Aufmerksamkeit geht darauf, sodass ich sage darum geht es, darüber möchte ich was sagen.

Wir haben jetzt an Beispielen im Deutschen das Ganze ein bisschen erklärt. Sie forschen ja aber auch in Bezug auf andere Sprachen. Gibt es da besondere Unterschiede? Weiß ich nicht, jetzt vom Deutschen zum Englischen, zum Französischen, oder vielleicht auch zum Afrikanischen, irgendwelchen afrikanischen Sprachen?

"Ja also es gibt zunächst einmal haben wir ganz interessante Projekte, die Deutsch mit Italienisch vergleichen. Im Deutschen ist es z.B. üblich, dass wenn man das Wort zum zweiten Mal benutzt, das gleiche Wort enttont, es deakzentuiert. Im Italienischen ist das nicht so. Da gibt es interessante Kontraste. Wenn wir weiter weggehen, wir arbeiten auch über afrikanische Sprachen, über indonesische Sprachen, und da ist die Beobachtung, dass abhängig von dem prosodischen System der Sprachen, wir auch Prominenzen finden, die manchmal aber von anderer Natur sind."

Okay, das sind ja schon eine Menge Unterschiede. Ist Ihnen in der Forschung bisher aufgefallen, was so eine gewisse Universalität hat, dass man sagt, bestimmte Sachen finden in allen Sprachen statt, um etwas prominent hervorzuheben?

"Ja, also das eine Beispiel, was Sie angebracht haben, nämlich das, was man ganz an den Anfang stellt, die sog. Topikalisierung, es ist Peter, das gibt's auch im Englischen: it's Peter, im Französischen ist es auch ganz stark. Auch in ganz vielen anderen Sprachen, nämlich dass man mit dem anfängt, was besonders genannt werden soll, wo die Gedanken sich besonders dran festhaken sollen."

Wir waren ja gerade eben schon bei der Bedeutung, was wir sagen. Nehmen wir mal ein Beispiel, ich würde einen Freund von mir auf der Straße treffen und ich sage ihm sowas wie: Mensch, heute hast du aber was Schönes an. Zum einen hebe ich hervor, dass es heute etwas ist, das er anhat, zum anderen spiele ich auch ein bisschen mit der Ironie. Inwieweit hängt Ironie fest an der Prominenz in einem Satz in der Sprache?

"Die Ironie hat etwas damit zu tun, dass ich etwas sage, also aus dem Fenster schaue und sage: Mann, hat es heute wieder geregnet!, dann weiß ich sofort, das ist ein falscher Satz, aber man hält mich nicht für völlig verrückt, weil ich durch die besondere Prosodie signalisiere, dass ich mit dem Satz irgendwie etwas anderes meine. Und wenn ich nicht damit meine, dass es regnerisch ist, dann kann ich damit das Gegenteil meinen. Das heißt also die besondere Betonung zeigt, dass ich was Besonderes anders ausdrücken möchte."

Die meisten Sätzen, die ich schaffe, zu sprechen, sind irgendwo ganz wohlgeformt, habe ich das Gefühl. Da passiert aber ziemlich viel in meinem Kopf: Ich muss die Wörter finden, ich muss sie in die richtige Reihenfolge bringen und genauso wie bei dem Satz, den ich gerade spreche, weiß ich noch nicht, wie er endet. Und dann bringe ich noch sowas rein wie in Prominenz. Wie viel passiert da wirklich bewusst und wie viel ist das irgendwo auch etwas Unbewusstes, was einfach von uns herauskommt?

"Genau, Sprache ist ja ein unbewusstes System. Sie machen sich einen Plan, was Sie ausdrücken wollen. Und bei diesem Plan wollen Sie den Inhalt rüberbringen, zusätzlich wollen Sie den Inhalt aber so hinüberbringen, dass ich ihn auch vernünftig verstehe. D.h. zu Ihrem Plan kommt noch dazu, dass Sie sich überlegen müssen: Was weiß mein Gegenüber? Wie muss ich das meinem Gegenüber präsentieren? Und das gelingt Ihnen dadurch, dass Sie bestimmte Wörter oder Phrasen besonders hervorheben, sodass Ihr Gegenüber es leichter hat, das zu verstehen, was Ihr ursprünglicher Plan ist."

Kommen wir nochmal zurück zu Ihrem Forschungsprojekt. Das ist jetzt für wie viele Jahre angelegt?

"Der SFB ist zunächst für vier Jahre genehmigt worden, wir haben insgesamt 19 Projekte. Und wir haben die Möglichkeit, das nochmals um vier Jahre und dann zum dritten Mal für vier Jahre, d.h. wenn alles gut läuft, können wir insgesamt 12 Jahre über das Thema forschen."

Was wird dann mit den Ergebnissen passieren? Werden da Bücher veröffentlicht? Oder ist es geplant, mit in Vorlesungen oder Seminare vielleicht auch einfließen zu lassen, dass die Studenten daran teilhaben können?

"Also zunächst einmal ist es ein Forschungsprojekt. In den Sprachwissenschaften ist es üblich, die Forschungsprojekte schnell in Artikel umzusetzen, sodass man dem interessierten Fachpublikum das präsentieren kann. Wir haben aber bereits jetzt schon nach eineinhalb Jahren festgestellt, dass wir relativ viele Seminare haben, die diese Forschung auch Studierenden präsentiert und diese mitzunehmen ins neue Forschungsgebiet."

Okay, dann können wir uns ja auf jeden Fall auf die nächsten Jahre einstellen, dass dort noch einige spannende Artikel wahrscheinlich veröffentlicht werden. Also ich bin auf jeden Fall sehr gespannt. Bei mir im Studio war Prof. Klaus von Heusinger, er ist Sprecher im Sonderforschungsbereich Prominenz in Sprache an der Universität zu Köln, er forscht auch selbst dazu und hat uns ein wenig darüber erzählt, was es mit Prominenz in der Sprache so auf sich hat.