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Medienschau: "Wie wir uns verständigen"

Sendung "Aus Kultur- und Sozialwissenschaften" (Deutschlandfunk) vom 19. Juli 2018

Audiofile (7.32 Min)

Anmoderation: Sprache gibt es, seitdem es Menschen gibt. Darum ist es eigentlich erstaunlich, dass die Linguistik - die Sprachwissenschaft - immer wieder neue Felder entdeckt. Eines der jüngsten Felder ist die sog. Prominenz. Darunter versteht man besonders hervorgehobene akzentuierte Teile einer Äußerung. Im einfachsten Fall ist das die Betonung. Aber es gibt noch viel mehr Facetten, Pausen zum Beispiel. Vergangene Woche trafen sich Linguisten in der Universität zu Köln zu einem internationalen Kongress über Prominenz in der Sprache. Mirko Smiljanic berichtet.

Was ist aus linguistischer Perspektive betrachtet Sprache? Auf jeden Fall eine lineare Anordnung von Wörtern und Bedeutungen, ein Aspekt, den Linguisten untersuchen, seit es ihre Wissenschaft gibt. Hinzu kommen Elemente, die diese Anordnung hierarchisch gliedern. Satzzeichen können das sein, aber auch Satzstrukturen. Hierarchien erleichtern die Kommunikation mit Sprache, und zwar sowohl geschriebene als auch gesprochene. Seit etwa drei Jahrzehnten untersuchen Sprachwissenschaftler einen dritten Aspekt, die Prominenz in Sprache. Auf dem ersten Blick unterstützt sie zwar die hierarchische Gliederung von Sprache, in ihrer Bedeutung führt sie aber ein linguistisches Eigenleben. In jeder Sprache gibt es Wörter und Satzelemente, die besonders häufig, also besonders prominent vorkommen.

„Sie haben einen Satz, in dem Sie drei Referenten einführen.

Peter gibt ein Buch der Anna.

Und wenn Sie jetzt diesen Satz weitererzählen wollen, dann wäre es hilfreich, vorher schon zu signalisieren, über wen dieser Satz weitergeht. In diesem Satz ist es typischerweise so, wenn wir ein Objekt von einem Ort zu einem anderen bewegen, dass wir gerne dann über das Objekt weiterreden, wo das hinbewegt worden ist, also das Objekt, das das Buch bekommen hat, hier die Anna.“

Dieses Beispiel, so Klaus von Heusinger, Professor für Allgemeine und Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität zu Köln und Sprecher des Sonderforschungsbereiches Prominenz in Sprache, funktioniert sowohl in geschriebener als auch gesprochener Sprache. Die gesprochene Sprache steht allerdings im Mittelpunkt seiner Analysen.

„Wenn wir zum Beispiel die sehr ähnlichen Wörter haben wie umfahren oder umfahren, dann macht es einen großen Unterschied, wie wir das aussprechen, welche Silbe betont wird. Wenn ich sowas sage

Peter möchte das Spielzeug umfahren

ist es was ganz anderes, als wenn ich sage

Peter möchte das Spielzeugauto umfahren."

Die Mehrheit der Einzelprojekte im Sonderforschungsbereich Prominenz in Sprache beschäftigt sich mit gesprochener Sprache. Prosodische Elemente, also die Aussprache, gliedern Kommunikation, die üblicherweise jeder versteht, so Klaus von Heusinger.

„Die Studierenden kommen raus aus dem Raum und dann fragt man, wie war die Klausur, und dann kann eine Studierende sagen ICH habe bestanden und dann hat man aufgrund der Prosodie die Mitbedeutung, dass für die Person trifft das zu, dass sie bestanden hat, aber für eine andere wird die Frage gestellt, das ist unklar.“

Kommunikation durch gesprochene Sprache ist ohne Prominenz nicht denkbar. Was zur Frage überleitet, warum so wichtige linguistische Elemente erst vor etwa 30 Jahren in den Fokus der Wissenschaft geraten sind. Das liegt einfach daran, dass für Linguisten Sprache ein sich immer feiner verästelnder Baum ist, in dem sich Linearität und Hierarchie gut einordnen lassen.

Prominent gesprochene Elemente aber kaum Platz finden. Prominenz in Sprache erfordert eine eigene Methodik, die erst jetzt entwickelt wird. So untersuchen Linguisten Sprache nicht nur, wie sie eben ist, sondern wie sie von unterschiedlichen Gruppen gesprochen wird. Von besonderem Interesse sind dabei die Unterschiede zwischen gesunden Menschen und Menschen, mit einer wie auch immer gearteten Einschränkung, die sich auf Sprache auswirkt.

„Wenn wir mit Autisten kommunizieren, dann tendieren Autisten dazu, die Begriffe sehr umständlich aufzuschreiben. Wir haben so kleine Bildergeschichten, die sie weitererzählen, von einem Jungen, der durch einen Supermarkt geht und dann wird der Junge eingeführt. Im ersten (Bild) der Junge mit dem Wagen und ein Normaler würde sagen Er hat sich zwei Bananen genommen, er hat an der Theke gezahlt. Der Autist würde typischerweise sagen: Der Junge mit dem Wagen. Er versucht also den Jungen möglichst aufwendig darzustellen, weil er Sorge hat, dass sein Gegenüber es sonst vielleicht nicht verstehen könnte.“

War die zweite Konferenz zu Prominenz in Sprache ausdrücklich als internationale Veranstaltung deklariert, was vermuten lässt, dass die Strukturen auch in anderen Sprachen vorkommen. Dass dies für Englisch, Französisch, Spanisch usw. gilt, kann fast jeder selbst überprüfen. Aber verfügen auch kleine indigene Sprachen über Prominenz? Eva Schultze-Berndt, Professorin für Linguistik an der Universität Manchester in Großbritannien, untersucht seit vielen Jahren die Sprachen australischer Ureinwohner. Und tatsächlich fand sie auch dort prominente Strukturen. Im Satz Tanja streichelt einen Hund steht Tanja dort in einem anderen Kasus als im Satz Tanja lacht. Im ersten Satz ist Tanja aktiver als im zweiten. Eine grammatikalische Spezialität, die es übrigens auch in Europa gibt, im Baskischen etwa. Lässt sich aus der weltweiten Verbreitung prominenter Sprachstrukturen fordern, dass es so etwas wie eine universale Basis für alle Sprachen gibt?

Eva Schultze-Berndt: „Es kommt darauf an, was man mit Basis meint. Da gibt es auch große Debatten in der Sprachwissenschaft, ob es doch irgendwie eine Universalgrammatik gibt, die angeboren ist, oder ob, was man als Basis versteht, eher eben ähnliche Kommunikationsprozesse sind, die aber im Einzelfall unterschiedliche Ausprägung haben können in der Grammatik.“

Für den Kölner Linguisten Klaus von Heusinger ist die Sache klar: Ein Blick auf den Spracherwerb von Kindern reicht ihm für die Vermutung, dass alle Sprachen eine gemeinsame Basis haben.

„Die Beobachtung, dass jedes Kind jede Sprache lernen kann, und in der Sprache sind ja sehr abstrakte Strukturen hinterlegt, das Kind lernt ja nicht einfach nur, einen Satz zu wiederholen, sondern das Kind lernt das Muster, wie der Satz gebildet ist. Und das lässt daraus – aus meiner Perspektive – schließen, dass das Kind etwas Abstraktes, ein abstraktes Regelsystem lernt, und da kann man gut annehmen, dass dieses Regelsystem für alle Sprachen identisch ist.“

Und dazu hier – schließt sich der Kreis – gehören natürlich auch Prominenzstrukturen.

„Die Ausprägungen der Prominenzstruktur können sehr unterschiedlich sein. Wie ein bestimmtes Objekt, was ich einführe, prominent gemacht wird: Das kann durch Intonation sein, das kann durch Wortstellung sein, das kann durch die Länge eines Wortes sein, das kann durch ein Suffix sein, das ist ganz unterschiedlich. Aber dass ich diese Prominenzstrukturen habe, da gehen wir davon aus, dass es alle Sprachen haben sollen. Diese Prominenzstrukturen erleichtern das Verstehen der Sprache und erleichtern die Kommunikation.

Abmoderation: Wie wir uns verständigen – über eine sprachwissenschaftliche Konferenz an der Universität zu Köln berichtete Mirko Smiljanic.